Gesundheitskarte die 2.
by Martin on October 4, 2007
Lieber spät als nie. Meine Antwort auf die wie erwartet nicht sonderlich erfreute Reaktion Marcs auf meine Wunschvorstellungen zum Thema Gesundheitskarte:
Wie es sich für einen guten und bekennenden Schwarzseher gehört wird die Idee neuer technischer Möglichkeiten durch Bedenken jedweder Art am besten gleich im Keim erstickt. Dass es bei den Daten, die für ein derartiges System nötig wären, nicht um Sternzeichen und Lieblingsfarben geht ist klar, aber nur aus Angst um diese von vorne herein eine Realisierung verhindern zu wollen halte ich für nicht angebracht. Viel eher sollte man die von ihm vorgebrachten Kontraargumente als Ansatzpunkte verwenden um ein System zu entwickeln, welches die Probleme von vorne herein umschifft oder, meine Lieblingsmethode, garnicht erst zustande kommen lässt.
Meines Erachtens sollte man zum Beispiel den Versicherungen von vorne herein das Interesse daran nehmen, überhaupt an die Daten zu kommen. Um zu erläutern was ich damit meine, muss ich etwas weiter ausholen: Was mich an gesamten Versicherungssystem in Deutschland ohnehin stört ist die unglaubliche Komplexität die ihm von Politikern und Bürokraten allgemein im Laufe der Zeit eingehaucht wurde. Warum muss ein Zivildienstleistender über das Amt für Zivildienst versichert sein? Warum werden Kindern von Beamten zu x% privat und zum restlichen Teil über die Beihilfe versichert? Warum gibt es überhaupt eine Einteilung in private und gesetztliche Versicherungen? Warum muss ich als Student erst eine Befreiung von der Studentenversicherung beantragen, wenn ich nicht über selbige Versichert werden will? Sind wir alle so verschieden, so speziell, dass man für jede Berufsgruppe nicht nur eine eigene Versicherungsanstallt, sondern auch ein eigenes System benötigt? Der damit verbundene Streß und die Kosten für Bürokratie und verlorene Arbeits-/Lebenszeit ist gigantisch! Nach meinen Vorstellungen würde die Sache derart gelöst, dass es eine Versicherungspflicht für jeden Bürger gibt. Wo er sich versichert bleibt voll und ganz seine eigene Entscheidung. "Aber was ist mit alten, schwachen, behinderten und chronisch Kranken?? Keine Versicherung wird die nehmen wollen?" höre ich die Nein-Sager schon rufen. Nicht ganz zu unrecht wohlgemerkt
. Die Versicherungspflicht seitens der Bürger würde man in meinem Königreich mit einer "Aufnahmepflicht" für die Versicherer kombinieren. Heißt: Eine Versicherungsgesellschaft darf einen Antragssteller nicht ablehnen und es dürfen auch keine unterschiedlichen Policen verlangt werden. Das hätte zwei Auswirkungen: Zum Thema "gläserner Mensch" wäre zu sagen, dass die Versicherungsgesellschaften an medizinischen und genetischen Daten ihrer Kunden nurnoch aggregiert interessiert wären. Zur Risikoabschätzung interessieren sie vor allem die durchschnittlich zu erwartenden Kosten pro Versichertem woraus sich der Versicherungsbeitrag für jeden Einzelnen ableitet. Eine direkte Folge dessen wäre ein "sozialer Ausgleich" aller Mitglieder einer Versicherung, denn die Mehrkosten eines (zum Beispiel) chronisch Kranken würden durch eigentlich zu hohe Beiträge der "gesunden" Mitglieder ausgeglichen. Da hinter dem ganzen natürlich böse Kapitalisten sitzen wird auch immer dafür gesorgt werden, dass es möglichst gut ausbalanciert ist, gleichzeitig sorgt der Wettbewerb dafür, dass sich einzelne Unternehmen nicht an ihrem Überschuss bereichern. Jaja, ich bin Optimist
Über das "ideale Versicherungssystem" könnte ich jetzt noch viele weitere Paragraphen reden, aber ich denke das ginge am Thema vorbei. Wenn ich Marcs Eintrag richtig interpretiere hat er eh mehr Angst vor der symbolträchtigen, eindeutig zugwiesenen Nummer, die ich in diesem Fall natürlich wieder super praktisch fände. Denn die Nummer wäre im Lande Lunikon unabhängig von der Versicherung. Wenn sich ein Untertan entscheidet, dass ihm Haus A nicht mehr gefällt und er zu Versicherung B wechseln will, so würde sein "Versicherungskonto" einfach von A zu B übertragen…gegenüber Staat, Arbeitgeber oder wem auch immer würde die Nummer immer die selbe bleiben. Ein Traum.
Und dann bleiben da ja noch die bösen Pharmakonzerne und ihre Mailings. Ich hatte schon mit einigen Personen Diskussionen zu diesem Thema und mir gefällt folgendes bildliche Beispiel: Ich bekomme auch als 22-jähriger mit perfekt intaktem Harntrakt hin und wieder Werbung für Inkontinenzunterhosen. An sich wäre ich froh, wenn ich dieses Altpapier nicht direkt vom Briefkasten in die blaue Tonne befördern müsste. Aber ohne entsprechende Informationen bleibt den Vetreibern nichts anderes übrig, als ihre Produktinformationen flächendeckend auszubreiten. Ich will damit nicht sagen, dass man private Daten aus einer möglichen Gesundheitskarte möglichst öffentlich zugänglich machen sollte, die Daten sind und bleiben intim und sollten es auch bleiben. Aber trotzdem sollte man auch einmal versuchen, nicht nur krampfhaft die Nachteile und Risiken einer möglichen Anwendung, sondern auch deren Vorteile und Chancen zu betrachten. Irgendwo zwischen den Extremen findet man dann sicherlich eine Lösung, mit der man sowohl als liberaler Pragmatiker, als auch als linker Paranoiker leben kann
.
One comment
Ja ich weiß nicht, ob es ganz so einfach ist. Für einen Großteil der Bevölkerung galt ja lange (und gilt auch heute noch größtenteils) dein Wunschszenario: Sie wurden bei der jeweiligen AOK (pflicht)versichert. Gesundheitszustand und andere Risiken (z.B. große Familie mit vielen Kindern) hatte keinerlei Einfluß auf die Beitragshöhe, die hing nämlich nur vom Einkommen ab.
Mit diesem System war man bekanntlich zu Recht nicht zufrieden, weil es mit der Zeit unbezahlbar wurde.
Einen wesentlichen Unterschied zwischen der Plichtversicherungs-AOK und der Pflicht zur Verischerung bei einer Gesellschaft, die man sich selber aussuchen kann, sehe ich nicht.
Wie sollen Versicherer in Konkurrenz zueinander treten, wenn sie sich in Ihren Angeboten nicht unterscheiden dürfen?
Das Ganze ist – wie mein leider seit Jahren sieht – leider etwas komplexer.
by Bedenkenträger on October 5, 2007 at 22:12 #