Wenn die Lösung nur ein neues Problem ist
by Martin on January 24, 2008
Eigentlich sollte und wollte ich schon längst die eine oder andere Zeile Code geschrieben haben, aber bei meiner regelmäßigen Blogtour wurde ich auf einen provokanten (zumindest für mich) Eintrag meines Lieblingsadmins aufmerksam. Und in diesem Fall brennt es mir derart unter den Fingern, inbesondere im Hinblick auf die aktuelle Diskussion in Medien und privatem Umfeld, dass ich es nicht lassen kann, darauf zu antworten.
Er schreibt darüber, wie er, der Bürger, für die Managementfehler der WestLB finanziell aufkommen darf und ‘2000 Bänker’ dafür mit ihrem Job bezahlen. Irgendwie schafft er es, in diesem Zusammenhang die Brücke zum in der Entwicklung befindlichen Überwachungsstaat zu schlagen und fordert gleichzeitig ein Handeln gegen…naja…nennen wir es mal die "Unsoziale Willkür des Kapitals". So verstehe ich es wenigstens. Er will einerseits Freiheit, die Möglichkeit vom Staat und allen anderen unbeschattet durch die Welt gehen und tun und lassen zu können was ihm passt. Andererseits fordert er ein – nicht weiter definiertes – Eingreifen des Staates in die Machenschaften privater Personen bzw. Institutionen. Das riecht für mich irgendwie nach einem Widerspruch.
Ich bin mit ihm weitestgehend auf einer Linie wenn es darum geht, dass der Staat sich im alltäglichen Leben möglichst im Hintergrund halten sollte und dass persönliche Daten, wenn es denn notwendig ist, mit größter Sorgsamkeit behandelt werden müssen. Ich meine auch, dass ich jederzeit in der Lage sein sollte frei zu entscheiden, ob und wie ich ein Gewerbe betreiben will. Ich will in der Lage sein, nach eigenen Abschätzungen die Entscheidung zu treffen, mit 2, 10, 100 oder 1000 Menschen einen Arbeitsvertrag zu schließen. Dass die Vergütung dieser Personen zum Leben reichen sollte ist selbstverständlich und auch Sozialleistungen jedwelcher Art gehören m.E. in irgendeiner Weise in diese Vertragswerke. Aber nur weil ich 10.000 Angestellte habe oder in der Position sitze, über diese zu bestimmen, befreit mich das nicht von einer grundsätzlichen menschlichen Eigenschaft: Ich kann mich irren und ich kann Fehler machen.
Dass bei der WestLB und vielen anderen Banken in den letzten Monaten eine ganze Menge schief gelaufen ist, ist sicherlich bedauerlich. Dass es in diesem Maßstab passieren konnte lässt auf massive Fehler in der Organisation der Unternehmen und vermutlich einem gehörigen Maß an Inkompetenz auf der Führungsetage schließen. Wie aber eine Änderung des politischen Systems derartige Fehlkalkulationen verhindern soll ist mir ein Rätsel. Klar, hätte man die Bank nie gegründet, könnte man jetzt auch niemanden entlassen, ist aber offensichtlich unrealistisch. Sollte es einfach nur staatliche Banken geben? Kann auch nicht die ideale Lösung sein, denn ein derartiges Unternehmen geht zwar nicht [ganz so schnell] Pleite wie ein privates, aber wie der eine oder andere gescheiterte Sozialismus dieser Welt gezeigt hat, versteht sich der Staat nicht unbedingt auf gutes wirtschaften. Irgendein Mittelweg muss also das angestrebte Ideal sein, welches Marc sich wünscht. Meine Frage ist nur: Wie soll der Staat soetwas verhindern, ohne das Grundrecht auf freies Handeln, eigenen Willen und Selbstbestimmung zu beschneiden? Ist das System nicht eigentlich schon dadurch sozial, dass Marc über einige Ecken das Überleben der Bank (und damit die Jobs aller "übrig gebliebenen") finanziert und dass die 2000 "Opfer" nicht knallhart fallen sondern in gewissem Maße vom sozialen Netz aufgefangen werden? Wird die Bank nicht zweifelsohne wieder Personal einstellen, wenn die Folgen des Fehlers behoben worden sind? Fragen über Fragen…ich freue mich auf Stellungnahmen
One comment
In »Asche zu Asche« hab ich mich darüber mokiert, dass die WestLB Milliarden verloren hat, eine Vorhersage gewagt, wie das Thema jetzt im Talkshowzirkus durchgenudelt wird, und darüber nachgedacht, dass der Verlust der Bürgerrechte auch mit de
by Mutantenstadl on January 25, 2008 at 03:54 #