Mehdorn, die Bahn und die Börse

by Martin on April 21, 2008

Nein, der Eintrag, der diesen Blog aus dem Dornröschenschlaf erwecken soll, wird kein Meinungsbild meinerseits zu Mehdorn und seinem Staatskonzern. Viel eher wird es etwas, was es bisher in diesem Blog (glaube ich) noch nicht gab: Eine Buchrezession.

Der Titel des Buches lautet, wie man unschwer erahnen kann "Mehdorn, die Bahn und die Börse". Im Grunde ist es eine Mischung aus Mehdorn-Porträt, Zeitlinie seit der Bahnreform und Einblicken in die Machenschaften hinter den Kulissen von Konzern und Politik. Obwohl mich der etwas reißerische Untertitel ("Wie der Bürger auf der Strecke bleibt") zunächst etwas abgeschreckt hat, griff ich am Samstag doch ins Regal und erwarb das gute Stück als Lektüre für eine längere Heimfahrt mit der Bahn am Folgetag – wie passend.

Das Werk erwies sich als etwas einseitig, aber letztendlich stellt es seine Fakten, welche auf einer bunten Mischung aus Briefen zwischen Beteiligten, Pressemeldungen, Gutachten und Gesprächen basieren, recht objektiv dar. Wider Erwarten war der Autor nicht etwa kontra Bahnprivatisierung. Im Gegenteil: Er schlüsselte glaubwürdig die Vorteile der Privatisierung auf, welche schon heute durch Privatbahnen sichtbar wären, und konzentriert sich eher darauf zu vermitteln, warum das Netz beim Staat bleiben müsse und wie Mehdorn mit allen Mitteln der Kunst versucht, eben dies zu verhindern. Letzteres gewährt finstere Einblicke in das tägliche Geschäft unserer Volksvertreter. Besonders erschreckend ist dabei, mit welch nichtigen Gründen und wie fahrlässig das etwa auf 200 Milliarden Euro Wert geschätze Netz der Bahn AG an Investoren verkauft bzw. verschenkt werden soll. In meinen Augen besonders verstörend wird dieser Sachverhalt anhand eines vom Autoren ins Feld geführten Vergleichs: Der Bund verkaufte die Lizenzen zur Nutzung der UMTS-Frequenzen, also de facto nichts weiter als ein Stück Papier, welches dem Besitzer ein Nutzungsrecht eines immateriellen Gutes zusagt, für etwa 50 Milliarden Euro an die Mobilfunkkonzerne. Gleichzeitig wird der einmalige Erlös eines Börsenganges der Bahn inklusive Netz auf 8 bis 15 Milliarden Euro geschätzt…inklusive diverser Fallstricke für den Bund und weiteren Verpflichtungen über Jahre hinaus.

Warum Pläne in diese Richtung, trotz der offensichtlichen Risiken und Missverhältnisse, trotzdem weiter verfolgt werden, stellt das Buch meines Erachtens seriös dar und ist daher für den interessierten Leser durchaus zu empfehlen. Es werden die Blickwinkel und Einflüsse aller beteiligten Akteure, von der Bahn selbst über die Gewerkschaften bis hin zu den Automobilverbänden dargestellt und auch der biografische Aspekt rund um die Figur des Hartmut Mehdorn ist nicht zu verachten. Es ist keine reine Hetze gegen den Kapitalismus aber gleichzeitig sehr kritisch gegenüber dem von der Politik falsch umgesetzten. Es liefert anhand aktueller Beispiele aus dem öffentlichen Personennahverkehr einige Ansätze zur besseren Gestaltung der Bahnprivatisierung, rutscht aber dabei auf den letzten Seiten etwas in kitschige Träumerei ab. Letzteres lässt sich aber verschmerzen, insgesamt waren die etwa 230 Seiten eine aufschlussreiche Lektüre für 7 Stunden Bahnfahrt.

2 comments

hehe, das bucht wollte ich mir letzte woche auch schon holen, aber es klang dann doch nicht so doll, aber nun werde ich es mir wohl doch holen..:D

by pugnacity on April 22, 2008 at 08:40 #

Der Boden, den die Bahn damit betreten wird, ist momentan alles andere als eben, und vor allem sehr glatt. Die Finanzkrise macht der Börse immer wieder aufs Neue zu schaffen. Ein Börsenstart in dieser Zeit kann ein Flop werden, der seinesgleichen s…

by Investments und Geldanlagen - Blog on September 26, 2008 at 16:10 #

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