Vollprogramm oder nicht Programm?
by Martin on June 14, 2010
In der Piratenpartei schwelt seit langem eine Diskussion, die schwer an die Grünen erinnert: Auf der einen Seite die “Kernis”, die eine Erweiterung des Kernprogramms wehement ablehnen, auf der anderen die “Vollis”, die ebenso störrisch für ein Vollprogramm im klassischen Sinne werben. Natürlich ist die Welt nicht derart Monochrom und daher will ich mich nicht selbst in eine dieser Schubladen stecken. Aber ich muss definitiv sagen, dass ich stark in Richtung “Kerni” tendiere. Eigentlich wollte ich schon seit Wochen zu diesem Thema ein paar Zeilen verlieren, aber nach diversen interessanten Gesprächen an Piraten-Infoständen in Hessen und nach dem in Folge des Landesparteitages der Piraten in Baden-Württemberg entbrannten Diskussion zwischen Sekor und Tirsales konnte ich nicht länger warten.
Ich muss kurz ausholen: Wie viele andere bin ich aus dem einfachen Grund Pirat geworden, dass ich mit der bestehenden Parteienlandschaft und der daraus resultierenden Politik nicht einmal mehr genug anfangen konnte, um mein politisches Leben guten Gewissens auf mein aktives Wahlrecht zu beschränken. Trauerspiele, wie sie nach den Wahlen in Hessen oder NRW zu beobachten waren oder immernoch sind, sowie der Kindergarten der sich auf Bundesebene zwischen CDU/CSU und FDP seit der Bundestagswahl praktisch durchgehend abspielt, bestärken mich jeden Tag aufs neue, dass nicht die Programme oder Inhalte das Problem darstellen, sondern die Schwächen unseres politischen Systems an sich. Der Parlamentarismus, wie er im Grundgesetzt festgeschrieben ist, mag zu Zeiten von zwei dominanten Volksparteien zufriedenstellend funktioniert haben. Aber in Anbetracht der heutigen Parteien- und Themenvielfalt ist er allem Anschein nach nicht mehr das adäquate Mittel, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen.
Entsprechend sehe ich die Lösung vieler der aktuellen Probleme in einer Anpassung des politischen Systems, weg von einer Parteiendemokratie hin zu mehr Basisdemokratie. Die Korrekturen müssen praktisch auf einer “Meta-Ebene” stattfinden. Dies kann selbstverständlich nicht von heute auf morgen passieren. Die etablierte politische Elite wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Einführung derartige Instrumente (siehe Hamburg) und Gegenbewegungen wie der Piratenpartei fehlt es auf ganzer Linie an politischem Gewicht, um dieses Ziel kurzfristig zu erreichen. Aber man möge sich daran erinnern, wie die schwedischen Piraten einst angefangen haben: Als Zünglein an der Waage!
Was ich damit sagen will: Um eine Änderung herbeizuführen muss die Piratenpartei den Fokus auf die Basisdemokratie behalten! Und das nicht nur intern, wo man auf die Ergebnisse der Einführung von Liquid Feedback gespannt sein darf, sondern vor allem nach außen! An jedem unserer Infostände kommt unweigerlich in jedem Gespräch nach wenigen gewechselten Worten die unvermeidbare Frage: “Wie stehen denn die Piraten zu Thema X?”. Ich antworte dann in aller Regel: “Wir haben dazu keinen offiziellen Standpunkt.”. Nach anfänglicher Skepsis seitens des Fragenden kann ich dessen Einstellung dann häufig in wenigen Sätzen zu unseren Gunsten ändern: “Wir Piraten maßen uns nicht an, zu jedem Thema eine Meinung zu haben. Wir akzeptieren, dass viele Themen eine reine Frage der persönlichen Meinung sind, dass vieles nicht zum Zeitpunkt der Wahl bekannt ist und dass sich Meinungen im Laufe der Zeit ändern können. Wenn wir Piraten in den Parlamenten sitzen, dann entscheiden wir einzelfallbasiert und tragen die Meinung der Bevölkerung in die Parlamente”.
So oder so ähnlich lautet mein Text…und man spürt förmlich, wie es “Klick macht”. Die Menschen verstehen, dass dies wirklich eine Alternative darstellen könnte und sie verstehen im Zuge dessen auch, dass wir eben kein Vollprogramm haben, keines haben dürfen. Denn wie kann man glaubwürdig dafür einstehen, die Entscheidung dem Volk überlassen zu wollen, aber gleichzeitig zu jedem Thema einen Standpunkt präsentieren? An welcher Stelle würden diese Standpunkte denn von Bedeutung sein, wenn wir sowieso basisdemokratisch bei jedem Fall einzeln entscheiden wollen? In Koalitionsverhandlungen, die zu den selben festgefahrenen Situationen führen, wie wir sie in NRW und in der Bundesregierung haben? Wenn doch wieder eine kleine Gruppe von “Piraten” verhandelt, was nun wichtig ist und was nicht? Werden die Piraten damit nicht genauso unwählbar, wie die etablierten Parteien es sind, weil man für wenige Punkte, die einem wichtig sind, eine ganze Liste von anderen über Bord werfen muss?
Für mich riecht der ständige Ruf nach dem “unverzichtbaren Vollprogramm” nach der blinden Jagd nach Wählerstimmen. Im Sprint auf das vermeintliche Ziel verliert man das tatsächliche aus den Augen und findet sich, eh man sich versieht, in genau jener Situation wieder, welche man eigentlich vermeiden wollte.
Meines Erachtens stellen die aktuellen Kernthemen der Piratenpartei eine perfekte, runde Einheit dar: Auf dem Weg zu mehr Basisdemokratie müssen wir sicherstellen, dass gute Bildung für jeden und freier Zugang zu Informationen gewährleistet werden, dass die Bürgerrechte geschützt und politische Prozesse mit einem Höchstmaß an Transparenz durchgeführt werden. Haben wir diese Ziele erreicht und können wir sie erhalten, dann ergibt sich der Rest von selbst. Dann nämlich entscheiden die Bürger selbst und brauchen keinen Klüngel mehr, der ihnen diese Verantwortung allzu gerne abnimmt. Lobbyisten müssen dann eine ganze Bevölkerung überzeugen und nicht eine winzige Gruppe von käuflichen Politikern.
Und um zum Programm zurückzukommen: In dieser politischen Landschaft kann sich jeder, der ein Anliegen hat, politisch einbringen. Seien es die altbekannten politischen Parteien – wer sagt dass Grüne, Linke und Co nicht auchmal gute Ideen haben? – oder Einzelpersonen und Interessengruppen, welche Initiativen anstoßen können. Es braucht keine Piraten, um zu jedem Themenkomplex Lösungen zu bieten. Es braucht Piraten, um diejenigen zur Lösungsfindung zu befähigen, die etwas davon verstehen!
In diesem Sinne: Klarmachen zum Ändern! und ein Hoch auf die Meta-Partei!
5 comments
[...] This post was mentioned on Twitter by Martin Simons, Martin Simons. Martin Simons said: .@tirsales (und @sekor): Ich habe mal mehr schlecht als recht versucht, meine Gedanken zu dem Thema niederzuschreiben: http://bit.ly/c0fc26 [...]
by Tweets that mention Lunikon » Vollprogramm oder nicht Programm? -- Topsy.com on June 14, 2010 at 22:53 #
Ha, danke für das gute Argument gegen ein “ich will ein Vollprogramm und zwar sofort”! Ich stimme Dir zu, dass die derzeit agierenden Vollparteien nicht gerade ein Aushängeschild der Demokratie sind.
Auf die Ergebnisse von Liquid Feedback bin ich ebenso gespannt wie Du, allerdings mit einer gehörigen Portion Pessimismus – ich sehe da den Weg in die goldene Zukunft der Politik vom Volk fürs Volk noch sehr steinig gepflastert.
Aber ist es ein gutes Gefühl, mit so vielen engagierten Piraten Seite an Seite zu kämpfen!
by sekor on June 14, 2010 at 23:32 #
Da ich als lunikons Freundin seit einiger Zeit die aktuellen Entwicklungen der hessischen und Bundes-Piraten mit verfolge möchte ich hier gerne die Meinung eines interessierten (potentiellen) Wählers zu obigem Thema darstellen.
Zunächst muss ich sagen, dass ich der Piratenpartei vor etwa 2 Jahren noch ziemlich skeptisch gegenüber stand. “Aha, Freiheit im Internet mag ja gut sein, aber da gibt es doch wirklich wichtigeres!” war wohl meine Reaktion auf die ersten Infostände in Oldenburg. Als ich mich dann aber zur letzten Bundestagswahl etwas intensiver mit der Partei auseinander gesetzt habe, war ich relativ schnell sehr angetan von der Möglichkeit eine Partei zu wählen die sich im Prinzip auf lange Sicht selbst abschaffen will. Den Bundesparteitag der Piraten und auch den LPT in BaWü habe dann ich mit großem Interesse verfolgt.
Was ist also meine Meinung zum Thema Vollprogramm?
Zunächst finde ich dass die direkte Demokratie DAS Hauptargument für die Piraten ist und sein sollte und ich weiß auch dass viele junge Menschen diesen Punkt als echte Alternative zur jetzigen politischen Situation sehen. Ein Vollprogramm auf Landesebene ist meines Erachtens ein gutes Beispiel dafür. Es zeigt wie Basisdemokratie funktionieren sollte und dass Basisdemokratie zu einer Zusammenstellung politischer Themen führt die sich nach den Interessen der Menschen richtet und sich theoretisch auch jederzeit mit den Interessen der Menschen ändern kann. (In diesem Fall natürlich nur erstmal der Interessen der Piraten, was nicht unbedingt der Meinung der Bürgermehrheit entsprichen muss.) Anders kann man ein so vielfältiges Programm wie jetzt in BaWü auch überhaupt nicht glaubwürdig begründen.
Außerdem zeigt es dass durch Basisdemokratie die politischen Themen nicht von oben nach unten diktiert werden (man muss nicht erst in Berlin nachfragen ob die Entscheidung auf Landesebene mit den Ansichten auf Bundesebene konform sind). Konsequent ist das aber nur dann wenn auf Landesebene über Themen abgestimmt wird, die sich auf das jeweilige Bundesland beziehen und nicht versucht wird eine politische Richtung für das ganze Bundesgebiet zu beschließen.
Ich wäre also enttäuscht wenn ich an einem Infostand in Hessen zu hören bekomme, dass die Piraten gegen den Atomausstieg sind weil sie das in BaWü in ihr Programm aufgenommen haben. Viel lieber würde ich erzählt bekommen, was durch eine basisdemokratische Abstimmung theoretisch möglich ist.
Ich hoffe dass sich die Piraten immer durch ihre Kernthemen definieren werden und dass ich eines Tages selbst über den Bundeshaushalt abstimmen darf.
Dann lass ich mich gerne Ändern!
by libelle on June 15, 2010 at 08:50 #
Vollprogramm vs. Kernprogramm … warum immer diese Extreme, die beide keinen Sinn machen bzw unmöglich sind?
Und: Warum immer der (unbegründete) Vorwurf gegenüber Erweiterungsbefürworter, dass sie nur Wählerstimmen abgreifen wöllten? Etwa so sinnvoll wie der Vorwurf in die andere Richtung, dass “Kernis” nur Wähler abhalten wöllten *lol*
Abgesehen davon: Wenn unsere thematische Enge das einzige ist, dass uns von anderen Parteien unterscheidet … machen wir etwas falsch.
by Tirsales on June 15, 2010 at 12:06 #
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by Piratenpartei: Kern- vs. Vollprogramm « Martins Blog on June 16, 2010 at 00:29 #